Strahlentherapie (Radiotherapie)

Die Strahlentherapie (auch Radiotherapie oder Radiatio) ist in den letzten Jahren bedeutend weiterentwickelt worden. So kann sie heute wesentlich schonender durchgeführt werden. Das Ziel der Radiotherapie ist es, bösartige Tumorzellen in der Prostata mit Hilfe der Strahlen zu zerstören und so eine langfristige Heilung zu erreichen. Gesundes Gewebe sollte dabei weitestgehend geschont werden.

Bei Prostatakrebs in frühen Stadien kann eine Strahlenbehandlung für betroffene Männer eine sinnvolle Alternative zur Operation darstellen. Sie kommt insbesondere bei Patienten in Betracht:

  • bei denen eine Operation aufgrund verschiedener Risikofaktoren (z. B. bei Vorliegen von Begleiterkrankungen, schlechtem Allgemeinzustand oder höherem Alter) nicht durchgeführt werden kann oder
  • die eine Operation aus persönlichen Gründen ablehnen.

Wichtig für Sie als Patient ist es in jedem Fall, dass vor der ersten Bestrahlung ein ausführliches Gespräch mit Ihrem Strahlentherapeuten oder Urologen stattfindet. In diesem sollten die Vorgehensweise, die Wirkungen, aber auch mögliche Nebenwirkungen der Therapie erklärt werden. Zu unterscheiden sind grundsätzlich verschiedene Formen der Strahlentherapie. Beim lokal begrenzten Prostatakarzinom kann die perkutane Bestrahlung oder die Brachytherapie angewendet werden. Sie sollen im Folgenden kurz vorgestellt werden.

Perkutane Strahlentherapie (externe Bestrahlung)

Diese Strahlentherapie wird von außen, über die Haut („perkutan“) durchgeführt. In einer Voruntersuchung werden Strahlungsfelder definiert, die auf das Volumen, die Form und die Struktur der Prostata abgestimmt sind. Wichtig ist es, die gesamte notwendige Strahlendosis optimal auf die Prostata zu richten, um die Krebszellen zu zerstören. Die umliegenden Organe (Blase, Darm) sollen von der Bestrahlung maximal verschont bleiben. Diese Behandlung wird üblicherweise ambulant in mehreren Sitzungen durchgeführt. Das heißt, Sie kommen für die Bestrahlung in die Klinik und können anschließend wieder nach Hause gehen. Während eines Zeitraumes von 6–8 Wochen erhalten Sie einmal täglich (von Montag bis Freitag) eine definierte Strahlendosis. Die Bestrahlung selbst dauert jeweils nur einige Minuten und ist vollkommen schmerzfrei. Neueren Techniken haben die früher häufigen und nicht unerheblichen langfristigen Nebenwirkungen wirksam reduziert. Durch spezielle Techniken wie operativer Einbringung von Spacern (Abstandshalter zwischen Prostata und Darm) und Goldmarker lassen sich die Nebenwirkungen der Strahlentherapie weiter reduzieren.

Brachytherapie (Bestrahlung von innen)

Bei der Brachytherapie lassen sich folgende zwei Verfahren unterscheiden:

  • LDR-Brachytherapie (permanente Seed-Implantation)
  • HDR-Brachytherapie (Afterloading-Therapie)

LDR-Brachytherapie (permanente Seed-Implantation)

Die LDR-Brachytherapie (permanente Seed-Implantation) ist eine Form der Strahlentherapie beim lokal begrenzten Tumor. Für Patienten mit einem kleinen, gut zu isolierenden Prostatakarzinom ist die Bestrahlung von innen eine Alternative zur Operation und zur perkutanen Bestrahlung. Bei diesem Verfahren werden 25 bis 80 reiskorngroße, radioaktiv geladene Metallstifte („Seeds“) in die Prostata eingebracht. Diese Seeds geben kontinuierlich ihre Strahlung ab. Die Strahlung (i.d.R. Iod oder Palladium) dringt nur wenige Millimeter weit in das Gewebe ein. Dies vermindert das Risiko, dass Gewebe oder Organe um die Prostata herum verstrahlt werden. Dadurch können die Nebenwirkungen der Bestrahlung auf das benachbarte Gewebe verringert werden.

In einer Voruntersuchung wird die Prostata unter genau definierten Bedingungen im Ultraschall vermessen und ihr Volumen berechnet. Strahlentherapeut und Strahlenphysiker planen danach, an welcher Position in der Prostata wie viele Seeds platziert werden müssen und wie groß die Gesamtzahl der Seeds sein muss. Damit stellt man sicher, dass die Seeds dort eingesetzt werden, wo sie benötigt werden.

Am eigentlichen Behandlungstag wird ein aktueller Bestrahlungsplan erstellt, nach welchem die Einpflanzung (Implantation) der Seeds erfolgt. Der Patient wird hierfür stationär aufgenommen. Unter Narkose wird eine mit Seeds versehene Hohlnadel über den Damm in die Prostata eingestochen. Beim Herausziehen dieser Nadel werden die Seeds in das Organ „abgestreift“. Dort verbleiben sie und geben ihre Strahlung ab. Die Strahlungsdosis nimmt dabei über die Zeit kontinuierlich ab, bis die Radioaktivität abgeklungen ist. Die Seeds verbleiben aber dauerhaft in der Prostata. Sie müssen nicht entfernt werden. Das Tumorgewebe wird somit durch gezielte Strahlung von innen zerstört. In der Regel werden Sie nach der Implantation der Seeds noch für wenige Tage zur Beobachtung in der Klinik bleiben.

Entscheidend für den Erfolg des Eingriffs ist, die Anzahl, Dosis und Lage der Seeds genau zu planen und zu berechnen. Für jeden Patienten wird eine individuell abhängige Menge von Seeds zur optimalen Bestrahlung benötigt, da jede Prostata unterschiedlich groß ist.

HDR-Brachytherapie (Afterloading-Therapie)

Eine weitere Form der Brachytherapie ist die so genannte Afterloading-Therapie (engl. „Nachladetechnik“). Sie funktioniert ähnlich wie die permanente Seed-Implantation. Im Gegensatz zu ihr verbleibt die Strahlungsquelle beim Afterloading jedoch nicht in der Prostata. Sie wird nur kurzzeitig in die Prostata eingebracht und nach Abgabe der Strahlung wieder entfernt. Die Bestrahlung erfolgt auch nicht nur einmal, sondern in der Regel zwei- bis dreimal in etwa einwöchigem Abstand.

Die beiden Formen der Brachytherapie werden in Abhängigkeit vom Tumorstadium angewandt. Während sich die LDH-Brachytherapie insbesondere für Niedrigrisiko- Prostatakarzinome und Karzinome in Frühstadien eignet, wird die HDR-Brachytherapie eher bei lokal weiter fortgeschrittenem Prostatakrebs ohne Metastasenbildung eingesetzt.

Die Afterloading-Therapie wird häufig mit einer perkutanen Bestrahlung kombiniert. Wegen der zusätzlichen inneren Bestrahlung kann allerdings die Gesamtdosis der externen Bestrahlung deutlich verringert werden. Die kombinierte Afterloading-Therapie ist besonders effektiv bei lokal fortgeschrittenem Prostatakrebs ohne Fernmetastasen.

Strahlentherapie nach radikaler Prostatektomie

In bestimmten Fällen kann auch nach einer operativen Entfernung der Prostata eine zusätzliche Bestrahlung empfohlen werden. Dies geschieht insbesondere dann, wenn der Tumor die Kapsel der Prostata überschritten hat oder bei der Operation das Tumorgewebe nicht vollständig entfernt werden konnte. Diese Strahlentherapie erfolgt wie die oben beschriebene perkutane Strahlentherapie. Ihre gesamte Bestrahlungsdosis ist jedoch geringer als bei der externen Bestrahlung. Neueren Studien zufolge kann eine parallel stattfindende Hormontherapie den Effekt der Strahlentherapie erhöhen. Empfohlen wird in der Regel, die Bestrahlung erst einige Wochen nach der Operation zu beginnen. Lassen Sie sich hierüber von Ihrem Urologen oder Strahlentherapeuten beraten.

Folgewirkungen der Strahlentherapie

Zu unterscheiden sind grundsätzlich „Akut-“ und „Spätreaktionen“. Unter den „Akutreaktionen“ versteht man Nebenwirkungen, die bereits in den Wochen der Behandlung auftreten können. Hierzu zählen leichtes Brennen beim Wasserlassen, Durchfall, Infektionen der Blase oder Enddarmbeschwerden. Diese Beschwerden sind in der Regel mit Medikamenten gut behandelbar. Sprechen Sie mit Ihrem Arzt über die erforderliche Medikation. Das Ausmaß der Nebenwirkungen ist auch abhängig von der Größe des Bestrahlungsfeldes und vom Dosisbereich. Nach Abschluss der Therapie bilden sich die akuten Reaktionen auf die Bestrahlung in der Regel sehr schnell und vollständig zurück. Symptome wie Haarausfall oder Erbrechen, die im Rahmen einer Strahlentherapie oder Kombinationstherapie auftreten können, kommen bei den strahlentherapierten Prostatakarzinom-Patienten nicht bzw. nur ganz selten vor.

Mögliche Spätreaktionen zeigen sich hingegen nach der Behandlung. Sie können zum Teil erst Wochen oder Monate später auftreten. Hierzu zählen vor allem Erektionsstörungen (Impotenz), Harninkontinenz und Enddarmprobleme. Sie sind zumeist Folge einer strahlenbedingten Gewebeschwächung.

Jede Form der Prostatakrebstherapie, die das betroffene Organ direkt behandelt, ist mit dem Risiko verbunden, dass auch benachbartes Gewebe beeinträchtigt wird. Dies gilt insbesondere für die sehr empfindlichen Nervenfasern. Sie liegen der Prostatakapsel direkt an und sind für die Gliedversteifung zuständig. Sowohl ein operativer als auch ein strahlentherapeutischer Eingriff kann zu einer Funktionseinschränkung dieser Nervenfasern führen. Die Nerven können dadurch vorübergehend oder auch dauerhaft gestört werden. Folge davon ist eine Einschränkung der Erektionsfähigkeit.

Häufigkeit und Intensität von Spätreaktionen hängen wesentlich von der Bestrahlungstechnik, der Strahlendosis, vorbestehenden Beschwerden, dem Alter des Patienten und von der Beobachtungszeit nach der Behandlung ab. Im Gegensatz zur Operation tritt nach der Strahlentherapie eine eventuelle Erektions- oder Kontinenzstörung zumeist nicht unmittelbar nach der Behandlung auf. Sie kann sich über viele Monate entwickeln.

Da die Prostata und ihre Anhangsorgane bei der Bestrahlung nicht wie bei der Operation entfernt werden, können die Krebszellen nicht genauer untersucht werden. Aus diesem Grunde sind Aussagen über die individuelle Prognose nach der Strahlenbehandlung schwieriger als nach der Operation.

Achtung: Die Entscheidung, welche Behandlungsmethode – Operation oder Bestrahlung – gewählt wird, muss zwischen Arzt und Patient ausführlich besprochen werden.



Letzte Aktualisierung:
31.01.2020

Referenzen:
(46) Dr. med. Baaske, Dieter, Prof. Dr. med. Fahlenkamp, Dirk, Dr. phil. Holze, Sigrun, Dipl.Psych. Gansera, Lutz & Prof. Dr. med. habil. Stolzenburg, Jens-Uwe. Prostatakrebs (Grün-Gelbe Reihe der SKG, Nr. 10, überarbeitete Auflage). Zwickau, 2019.

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