Zielgerichtete Therapien

Dieser Begriff fasst eine Reihe neuartiger Therapien zusammen, die sich gegen ganz spezielle Eigenschaften von Krebszellen oder Zellen in deren Umgebung richten. Dabei kommen sogenannte Antikörper oder andere zielgerichtete Arzneimittel zum Einsatz. Eine zielgerichtete Therapie kann mit einer klassischen Chemotherapie kombiniert werden. Fachleute sprechen dann auch von einer Chemoimmuntherapie. Die Behandlung mit diesen Mitteln wird unterstützend zu einer Chemotherapie begonnen und dann als Einzelbehandlung fortgesetzt.

Bei örtlich begrenztem Brustkrebs kann eine Antikörperbehandlung bei positivem HER-Status in Frage kommen. HER2-positiver Brustkrebs hat viele Bindestellen für Wachstumsfaktoren, wodurch sich die Krebszellen schneller vermehren. Die Erkrankung hat dann oft einen ungünstigeren und aggressiveren Verlauf. Künstlich hergestellte Antikörper können die HER2- Bindestellen blockieren und damit den Wachstumsreiz hemmen. Zu diesen Antikörpern gehören Trastuzumab und Pertuzumab.

Wie läuft eine Antikörpertherapie ab?

Voraussetzung für eine Antikörpertherapie ist ein Labornachweis darüber, dass ein HER2-positiver Brustkrebs vorliegt. Sie bekommen das Medikament entweder einmal pro Woche oder alle drei Wochen in eine Vene oder ins Fettgewebe gespritzt. Die Behandlung dauert insgesamt ein Jahr.

Was empfiehlt die Leitlinie?

Bei HER2-positivem Brustkrebs mit einer Größe von mindestens 1 cm soll Ihnen das Behandlungsteam zusätzlich zur Chemotherapie eine Antikörpertherapie mit Trastuzumab anbieten. Dabei sollen Sie vor oder nach der Operation zunächst ein Anthrazyklin erhalten und anschließend ein Taxan. Trastuzumab sollten Sie möglichst zeitgleich mit dem Taxan bekommen. Die Behandlung mit Trastuzumab soll insgesamt über ein Jahr andauern.

Mehrere Studien haben gezeigt, dass durch die zusätzliche Gabe des Antikörpers Trastuzumab sowohl das Rückfallrisiko als auch die Gefahr zu sterben verringert wird:

  • Etwa 355 von 1.000 Frauen mit Chemotherapie hatten einen Rückfall. Erhielten sie zusätzlich den Antikörper, waren es 260 von 1.000 – durch Trastuzumab wurden also 95 von 1.000 Frauen vor einem Rückfall bewahrt.
  • Wenn man 1.000 Patientinnen mit Chemotherapie ohne Trastuzumab behandelt, überleben ungefähr 900 und etwa 5 haben Nebenwirkungen am Herzen.
  • Wenn man 1.000 Patientinnen mit Chemotherapie und Trastuzumab behandelt, überleben ungefähr 933 – also 33 mehr als ohne den Antikörper Trastuzumab. Etwa 26 von 1.000 Patientinnen haben dann Nebenwirkungen am Herzen – also 21 mehr als ohne den Antikörper Trastuzumab.

Zudem weisen die Studien darauf hin, dass die zeitgleiche Behandlung mit Taxanen und Trastuzumab wahrscheinlich wirksamer ist, als wenn diese Mittel nacheinander gegeben werden. Besteht ein hohes Risiko, dass der HER2-positive Brustkrebs wieder zurückkommt, zum Beispiel bei befallenen Lymphknoten oder einer Tumorgröße über 2 cm, so sollte eine neoadjuvante Behandlung nach Expertenmeinung zusätzlich durch den Antikörper Pertuzumab ergänzt werden.

Eine Studie weist darauf hin, dass sich der Krebs vor einer geplanten Operation durch die zeitgleiche Gabe von Taxanen mit Trastuzumab und Pertuzumab häufiger in höherem Maße verkleinert. Zwischen den Frauen, die nur den Antikörper Trastuzumab beziehungsweise beide Antikörper erhielten, gab es keine Unterschiede bezogen auf die Häufigkeit brusterhaltender Operationen, Rückfälle und Nebenwirkungen. Frauen, die beide Antikörper gemeinsam erhielten, brachen die Behandlung aber häufiger ab. Nach der Operation erhalten betroffene Frauen weiterhin Trastuzumab.

Auch wenn Ihr HER2-positiver Brustkrebs sehr klein ist (nicht größer als 5 mm), sollten Sie nach Expertenmeinung eine Antikörpertherapie mit Trastuzumab angeboten bekommen, sofern Sie auch eine Chemotherapie erhalten. Dann kann für Sie nach Meinung der Expertengruppe statt einer Chemotherapie mit einem Anthrazyklin auch eine Chemotherapie mit den Wirkstoffen Docetaxel und Carboplatin in Frage kommen. Diese Behandlung erhalten Sie nach der Operation über sechs Zyklen alle drei Wochen. Sie ist weniger belastend für das Herz.

Die Ergebnisse verlässlicher Studien beziehen sich meist auf Tumoren ab einer Größe von 1 cm, so dass die Datenlage für kleinere Tumore nicht endgültig geklärt ist. Die Expertengruppe geht aber davon aus, dass eine zusätzliche Antikörpertherapie auch für Frauen mit kleinen HER2-positiven Tumoren vorteil- haft ist, insbesondere wenn der Brustkrebs nicht hormonempfindlich ist, aggressiv wächst (Grading G3) oder Lymphgefäße befallen sind.



Letzte Aktualisierung:
31.01.2020

Referenzen:
(56) „Leitlinienprogramm Onkologie“ der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e. V., der Deutschen Krebsgesellschaft e. V. und der Stiftung Deutsche Krebshilfe: Patientenleitlinie Brustkrebs im frühen Stadium. Berlin, Stand: Dezember 2018.

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