Was ist ein Borderline-Tumor?

Borderline-Tumoren des Ovars stellen eine eigene Subgruppe der Ovarialtumoren dar. Sie zeichnen sich durch semimalignes Verhalten aus, daher der englische Begriff „Borderline“, zu Deutsch „Grenze“ oder „grenzwertig“. Borderline-Tumoren sind dadurch gekennzeichnet, dass sich zwar die typischen Zellcharakteristika bösartiger Veränderungen finden, eine Tumorinvasion aber fehlt. Deshalb werden diese Tumoren auch als Tumoren von geringer Malignität bzw. Tumor of low malignant potential (LMP) bezeichnet. Sie machen etwa 21 – 25% aller nicht benignen serösen Tumoren des Ovars aus. Nach aktuellem Verständnis handelt es sich um eine eigene Tumorentität und nicht um eine Übergangsform von einem benignen (gutartigen) Tumor in ein invasives Karzinom.

Anders als invasive Ovarialkarzinome stellen Borderline-Tumoren des Ovars eher eine Erkrankung des mittleren Alters dar. So beträgt das durchschnittliche Erkrankungsalter in den westlichen Industrienationen zwischen 45 und 55 Jahre.

Als möglichen Risikofaktor für die Entwicklung eines Borderline-Tumors diskutiert man das Rauchen. Anders als beim Ovarialkarzinom geht man aktuell nicht davon aus, dass die Pilleneinnahme eine Risikoreduktion erzielt. Außerdem spielen wohl genetische Faktoren keine entscheidende Rolle bei der Entstehung von Borderline-Tumoren. Nach derzeitigem Kenntnisstand stellen Borderline-Tumoren nach adäquater Therapie keine Kontraindikation für eine nachfolgende Schwangerschaft dar.

Die serösen und die muzinösen Borderline-Tumoren stellen ähnlich dem Ovarialkarzinom die häufigsten Typen dar.

Borderline-Tumoren des Ovars sind nicht einfach zu diagnostizieren. Insbesondere die Abgrenzung zu den folgenden Differentialdiagnosen ist oft eine Herausforderung:

  1. invasives Karzinom mit seinen aufwendigen Therapien und
  2. benigner Ovarialtumor

Da viele der Patientinnen noch sehr jung sind und noch Kinderwunsch besteht, ist eine zuverlässige präoperative Diagnostik wünschenswert, um sowohl Unter- als auch Übertherapien zu vermeiden. Ein Großteil der Patientinnen ist vollkommen beschwerdefrei und die Diagnose wird durch Zufall gestellt. Die restlichen Patientinnen klagen überwiegend über sehr unspezifische Beschwerden, wie diffuse Bauchschmerzen, Völlegefühl oder Blutungsunregelmäßigkeiten. Auch Ultraschall-Untersuchungen führen nur selten zur präoperativen Diagnosestellung eines Borderline-Tumors. Knapp die Hälfte aller Borderline-Tumoren stellen sich präoperativ als gutartige Sonographiebefunde oder vollkommen unauffällig dar. Die Kombination aus diffusen abdominalen Beschwerden und einem nicht sicher einzustufenden Ovarialbefund führt in vielen Fällen zur Bestimmung von Tumormarkern. Allerdings finden sich in nur knapp der Hälfte der Fälle erhöhte Werte. Auf die Bestimmung von Tumormarkern zur präoperativen Diagnostik eines Borderline-Tumors kann zusammenfassend verzichtet werden.

Um eine adäquate Therapie zu planen, muss die operative Entfernung des Befundes erfolgen. Zusätzlich ist der Einsatz der Schnellschnitt-Diagnostik denkbar. Hierbei werden dem Pathologen Gefrierschnitte des Befundes noch während der Operationszeit zur schnellen Begutachtung vorgelegt. Anhand der gestellten Diagnose wird die weitere Operationstaktik festgelegt. Voraussetzung für das fertilitätserhaltende Vorgehen bei jungen Frauen ist, dass sämtliche auffällige Veränderungen entfernt werden und sich die Patientinnen regelmäßigen Nachsorge-Kontrollen unterziehen bzw., bei ausgedehntem Befund, die Kontroll-Laparoskopie nach drei bis vier Monaten akzeptieren. Bei Eierstock-erhaltendem Vorgehen muss ausdrücklich über das erhöhte Rezidivrisiko aufgeklärt werden. Allerdings führen Rezidive nur selten zum Tod. Die Therapie von Patientinnen mit Rezidiv ist weiterhin kurativ.

Während die fertilitätserhaltende Operation auf Wunsch eine ernst zu nehmende Option darstellt, sollte gerade aufgrund des erhöhten Rezidivrisikos die Möglichkeit einer Radikaloperation nach Abschluss der Familienplanung mit der Patientin diskutiert werden. Diese sollte in jedem Fall die Entfernung von Eierstöcken und Eileitern und nach Möglichkeit die Gebärmutterentfernung beinhalten.

Auch Borderline-Tumoren können eine Art von Tumorabsiedlungen in den Bauchraum verursachen. Diese werden anders als beim Ovarialkarzinom Implantate oder englisch Implants genannt. Implantate können invasiv, also in andere Gewebe einwachsend, oder nicht invasiv, nur aufliegend oder anhaftend, sein. Patientinnen, bei denen invasive Implantate gefunden wurden, haben ein deutlich erhöhtes Risiko für Rezidive und für eine maligne Tumormanifestation.

Patientinnen mit Borderline-Tumoren profitieren nicht von einer adjuvanten Radiotherapie. Liegen invasive Implantate (Absiedlungen im Bauchraum ähnlich den Metastasen) vor, ist eine Chemotherapie entsprechend der Behandlung von Frauen mit invasivem Ovarialkarzinom indiziert. Beim Vorliegen eines Rezidivs ist die erneute operative Behandlung entsprechend den Behandlungs-Richtlinien beim Ovarialkarzinom angezeigt.

Borderline-Tumoren des Ovars haben eine sehr gute Prognose. Eine Analyse für seröse Borderline-Tumoren ergab eine 10-Jahres-Überlebensrate von 96,9% für alle Stadien und immer noch von 89,9% für die Stadien FIGO III und IV [Ewald-Riegler N et al. Borderline-Tumoren des Ovars, TumorDiagnostik & Therapie 2012;33: 268-278].